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Aktuelle Ausstellungen

 

DEBORAH SENGL  |   WOLFGANG WIEDNER

 

Vernissage am Samstag, 16. November 2019 | 15.00 Uhr

Zur Eröffnung spricht Roman Grabner, Universalmuseum Joanneum Graz.

 

 

 

 

 

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Deborah Sengl

 

1974 * in Wien

1992 Studium an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien (Mkl. Terzic,

        Abteilung für visuelle  Mediengestaltung)

1995 Gastsemester an der Kunsthochschule Berlin / Weißensee (Modeabteilung)

1997 Diplomabschluß (Mkl. Attersee, Abteilung für bildende Kunst)

 

„Madvertising“, 2018/19

Fleißige Hausfrauen, der Klapperstorch, Genussraucher: Wer vor den Bildern Deborah Sengls steht, sieht sich in das Wirtschaftswunder der 50er Jahre zurückversetzt. Damals versprach die Welt des Konsums noch eine verheißungsvolle Zukunft und folgte recht einfachen Regeln: Menschen, wie wir sie alle kennen, präsentieren uns mit starken Gesten und in heraldischen Farben ihr liebstes Produkt. Wir schauen zu, wie diese Frauen, Männer und Kinder es nutzen, und zusätzliche Sprechblasen bestärken uns darin, es ihnen gleich zu tun. Der Haushalt und das Leben für die Familie kann so einfach sein, hat man nur das modernste Gerät und die Accessoires, die einen erfolgreich ausschauen lassen, daheim wie im Beruf. 

Nur auf die tierischen Gesichter können wir uns nicht gleich einen Reim machen. Sind das nicht die vertrauten Mischwesen aus den Kinderbüchern? Ähnelt die weinende Hausfrau, der es gelingt, das verbrannte Essen mit der perfekten Bierauswahl zu kompensieren, nicht den Hasenmenschen aus der Häschenschule? Und spielt nicht auch Rotkäppchens böser Wolf in Deborah Sengls Bildwelt eine Rolle? Zwar nicht mit Häubchen, aber zum Schäferhund zivilisiert als Businessman, der die Kochkünste seiner Frau überwacht. Hätte sie nicht das rechte Bier serviert, wer weiß, ob das Lächeln des Wachhundgebisses nicht zu einem Biss transformiert wäre. Ein gefährlich scharfes Gebiss hat auch der Wolfsmensch und Vater, der sein lammköpfiges Kind ins Remington-Gewehr einweist.

Deborah Sengl spielt hier mit den vertrauten Figuren aus Märchen, Fabel und Mythos, die im vergänglichen Spiel der Werbung die jahrhundertealte Frage aufwerfen, was den Menschen ausmacht: Im ‚Madvertising‘-Kosmos stehen die Familie, die Liebe und die  Schönheit an erster Stelle. Sie zeigen sich aber stets bedroht von Machtkonstellationen, Leistungsdruck und nicht zuletzt von der kriegerischen Natur des Menschen. Dieses Panorama des materiellen und emotionalen Überlebens verdichtet sich in Sengls Warenwelt. Es ist ja erst die Auswahl der Künstlerin, die Alltagsprodukte wie Donuts, Lotions, Zigaretten bildwürdig macht, indem sie sie mit scharfem Kontur umreißt und in die Handlung hineinkomponiert. So macht sie die beworbenen Objekte zu Sinnbildern einer nostalgischen Szenerie des Wirtschaftswunders. Trotz der scheinbaren Nüchternheit der Dinge werden an ihnen die Hoffnungen und auch die Abgründe der Menschen sichtbar, die sie ersehnen oder schon mit ihnen umgehen.

Mit ganz anderer Intention setzt Sengl die Tierköpfe um. Ihre pastose, den Pinselduktus gekonnt inszenierende Malerei kontrastiert mit dem nüchternen Plakatstil der Figuren und Waren. Der Dualismus von Natur und Zivilisation wird also auch mit malerischen Mitteln nachgestaltet. Tatsächlich ist es vor allem das Farbenspiel der Oberflächentexturen, das den Betrachter auf Anhieb für Sengls Bilder einnimmt. Unser Auge lässt sich sogleich von den changierenden Oberflächen von Vogelfedern, seidigem Hunde- oder Hasenfell faszinieren, bevor es die eigentliche Handlung der Gestalten ausgemacht hat.  Deren Tun ist aus heutiger Sicht mehr als fragwürdig. So betrachtet die elegant auf der Waage stehende Frau mit zierlichem Antilopenkopf neugierig das angezeigte Ergebnis. Dass ihr ‚Halbgott in Weiß‘, der Arzt im Hintergrund, einen Raubkatzenkopf hat, verheißt kein gutes Ende dieser Fabel. Denn stellvertretend für den männlichen Blick in der Gesellschaft behält er sowohl über die Figur als auch über die Diät der Frau die Kontrolle, ja sein prüfender Blick kann sie sogar zur Einnahme von sinnlosen Pulvern bewegen.

Aber kann man das überhaupt noch eine eigenständige, zeitgemäße Malerei nennen, wenn eine Künstlerin Werbeplakate der 50er Jahre, die es offenbar in derselben Bild-Text-Kombination so gegeben hat, lediglich mit neuen Tiergesichtern auffrischt? Der Rückblick in die Kunstgeschichte zeigt, dass die Malerei die meisten Jahrhunderte, seit den Pharaonen und den Griechen bis hin zur Schwelle der Moderne, Nachschöpfung bewährter Vorbilder gewesen ist. Die künstlerische Leistung eines Raffael oder Rubens erkannte man darin, die ästhetisch eingeübten Bildformen in einen neuen Zeitgeist überführt zu haben. Das ist auch die Intention von Deborah Sengl. Sie ist nicht so radikal wie die Avantgarde des 20. Jahrhunderts, die bekanntlich schon längst das Ende der klassischen Gattungen Malerei und Plastik eingeläutet hat. Vielmehr bekennt sich Sengls Schaffen zur Vitalität dieser ursprünglichen Gestaltungsmittel und führt konsequenterweise auch das serielle Medium Plakat wieder in die ursprüngliche Form künstlerischen Ausdrucks zurück, nämlich zur Pinselmalerei. Damit schafft die Künstlerin einen unmittelbaren Zugang zu den Themen, die diese - inzwischen historischen - Bildwelten aufrufen. Die Kluft zwischen dem lebendigen Farbenspiel und den gesellschaftlichen Abgründen, die es performiert, kann sie dabei so in der Schwebe halten, dass wir direkt miterleben, wie aus der Werbung ein Mythos erwächst, von dem wir auch heute noch gebannt sind. (Text: Nadia J. Koch)           

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- „Broken Soldiers“, 2017

In der Serie „Broken Soldiers“ tritt ein langjähriges Thema der Arbeiten von Deborah Sengl wieder in den Vordergrund: das Verhältnis zwischen Opfer(n) und Täter(n).

In diesem Fall kommt dieses aber nicht als Machtspiel zwischen einzelnen ProtagonistInnen daher, sondern als Spannungsverhältnis innerhalb eines Individuums.

Politisch bzw. religiös motivierte Kriege prägen unsere Zeit in erschreckendem Ausmaß. Terror wird immer mehr zur aktuellen Erscheinungsform von vermeintlicher Macht und hilfloser Ohnmacht. Angst spaltet unsere Gesellschaft zusehends und führt zu einer raschen, meist unreflektierten Ernennung eines passenden Feindbildes.

In „gut und böse“ bzw. „passend und unpassend“ wird aber meist schon in sehr jungen Jahren getrennt. Niemand wird als Verbrecher geboren, sondern oft durch seine Lebensumstände dazu gemacht. Kein Mensch kommt als Soldat auf die Welt, die meisten werden von äußeren Umständen in einen Krieg gezogen. Spätere Radikalisierung ist oft das von Rache getriebene Ergebnis einer frühen Ausgrenzung, persönlicher Kränkung oder Missachtung.

„Broken Soldiers“ ist keine Entschuldigung für die Grausamkeit unserer Zeit. Vielleicht aber ein Denkanstoß über die Persönlichkeit(en) hinter diesen furchtbaren Verbrechen. Unter Umständen könnte es helfen, früh genug hinzusehen, um nicht aus Opfern gefürchtete Täter zu machen ...

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 „Heimsuchung - Hells Angels“, 2016

In der Serie „Heimsuchung“ begegnen uns die Engel der Gegenwart mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen, Makeln und Ängsten. Sie offenbaren sich in ihrer vollkommenen Unvollkommenheit. Der Versuch an etwas festzuhalten, zu glauben und sich leiten zu lassen gerät ins Wanken, denn sie haben längst ihre Lieblichkeit und Unschuld verloren. In der heimeligen Umgebung toben sie sich aus und zeigen uns einmal mehr, dass das Streben nach scheinbarer Perfektion ein Irrglaube ist. Sie beflügeln uns auf den ersten Blick mit einem Gefühl der Scheinheiligkeit, aber letzten Endes werden wir auf den Boden der Realität zurückgeholt. Es sind Eingeständnisse unserer Zeit – Schönheitswahn, Alkoholismus, Spielsucht und Glaubensfragen – mit denen Deborah Sengl die Betrachter schonungslos konfrontiert und somit indirekt auffordert, nicht nur zu glauben sondern auch zu hinterfragen.

„Sobald ich meine Signatur auf das Bild setze, ist die Arbeit für mich abgeschlossen“, so Sengl. Aber genau da fängt für die RezipientInnen die visuelle Arbeit erst an, nämlich Zusammenhänge zu erkennen, bewusstzumachen aufzudecken und Gesellschaftsstrukturen und Phänomene unserer Zeit in Frage zu stellen.

Denn letzten Endes sind wir alle keine Engel… (aus einem Text von Vanessa Bersis)

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Wolfgang Wiedner

 

1953 *  in Feldbach

1973 - 79 Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Prof. Walter Eckert

 

Gedanken zur Malerei Wolfgang Wiedners

 

Wenn man sich heute der Malerei von Wolfgang Wiedner nähert, ist man mit der Tradition der Malerei genauso konfrontiert, wie mit den neuesten Entwicklungen dieses Mediums. Seine Anfangszeit als Maler hatte Wiedner im Umfeld der „Neuen Malerei“, wie die international sich entwickelnde Bewegung einer gegenständlichen und gestisch-expressiven Malerei in Österreich genannt wurde. Es war eine heterogene Szene von Malern, die unter diesem Begriff subsummiert wurde. Waren es zunächst durchaus enge Verwandtschaften, die Hubert Schmalix, Alfred Klinkan, Alois Mosbacher, Siegfried Anzinger, Josef Kern, Erwin Bohatsch und Wolfgang Wiedner miteinander verbanden, so sind alle diese Maler rasch eigene und sehr unterschiedliche Wege gegangen.

Wolfgang Wiedner konzentrierte sich von Beginn an auf seine unmittelbare Umgebung – das eigene Atelier und das Leben auf dem Land. Beides sind Sphären, die im weiteren Verlauf seiner Entwicklung zwar andere Formulierungen erfahren, jedoch als Motive bestehen bleiben. Die scheinbar beiläufige Realität des Malerateliers mit den bekannten Details – Töpfe, Schalen, Pinsel, Farbtuben, Malfetzen, Stühle etc. – waren in dieser frühen Zeit seiner künstlerischen Entwicklung nahezu ausschließliches Thema. Er gab die Anordnungen von Gegenständen – niemals Menschen – in expressiver Tradition wieder. Man ist in dieser Phase an Max Beckmann erinnert, wenn man die stark farbigen mit kräftigen schwarzen Konturen versehenen Motive Wiedners betrachtet. Das brutale Schwarz kontrastiert mit der leuchtenden Buntheit der Objekte, die farblich vereinheitlicht wirken und auf Lokalfarben weitgehend verzichten.

Die Einfachheit des Sujets wird durch die Malweise zum besonderen Geschehen. Stillleben sind seit dem 17. Jahrhundert innerhalb der Malereigeschichte weit verbreitet und zeugen von der Delikatesse des Mediums. Es waren meist höchst virtuose Stücke, die beispielsweise aus den niederländischen, italienischen und spanischen Ateliers kamen. Höchste Meisterschaft in der Wiedergabe von unterschiedlichen Materialien wie Glas, Metall und Textilien sowie von Früchten oder toten Lebewesen war von den Künstlern dabei gefordert und man betrachtete sie formal als höchste Anforderung an den Maler. Inhaltlich waren die Stillleben voller Symbole, die in den religiösen, moralischen und philosophischen Zeitvorstellungen beheimatet waren. Sie waren gleichsam in jeder Hinsicht Lehrstücke. Die Stilllebenmalerei sollte sich bis in die Gegenwart fortsetzen und auch schon vor dem Readymade von Marcel Duchamp enormen Veränderungen ausgesetzt sein. Am Ende jedoch ersetzt der reale Gegenstand in der Kunst die Repräsentation desselben. Das wäre eigentlich der Endpunkt dieser Entwicklung. Innerhalb der Malerei sollte sich aber beispielsweise mit der Pop-Art und später der „Neuen Malerei“ sowie der medienreflexiven Malerei in den 1990er Jahren einiges an zeitgemäßen Möglichkeiten auftun, um das Objekt, den Gegenstand sowie die Realität im allgemeinen neu zu sehen und wahrzunehmen. In den malerischen Entwicklungen nach der Pop-Art – dabei speziell bei Andy Warhol und Jasper Johns – war es besonders das Interesse am Abbild des Gegenstandes, das bestimmend war. Warhol zielte auf den Aspekt der Warenästhetik und heroisierte gleichsam die Cola-Flaschen und Suppendosen genauso wie er die medialen Helden zum Objekt degradierte. Für beide aber beanspruchte er die gleiche Wertigkeit. Die banalen Dinge werden zu Besonderheiten durch den Kontext der Ware und in der Folge durch die Darstellung innerhalb der Kunst und die Personen (Stars) werden zu Bildern – zu Images. Celebrities werden grundsätzlich erst in zweiter Linie als Menschen wahrgenommen. In erster Linie sind sie, wie der Sprachgebrauch es suggeriert, „Objekte der Begierde“. Das Image der prominenten Person ist das entscheidende.

In Jasper Johns Fall sind es meist gewöhnliche Dinge des Alltags – auch Atelierdetails wie Pinsel und Töpfe – die das Publikum faszinieren. Dass sie im Mittelpunkt äußerst theoretischer Erörterungen stehen sollen, erscheint überraschend. Johns geht dabei von der Annahme aus, dass sich der dargestellte Gegenstand durch unterschiedliche Darstellungsmethoden – als Malerei, als Grafik, als Skulptur – in seiner Bedeutung verschieden wahrnehmen lässt und auf differenzierten Ebenen funktioniert, je nachdem wie Kontext und Medien sich verändern. Eine seiner bekanntesten Motive in dem Zusammenhang ist die Kaffeedose mit den darin steckenden Pinseln. Er hat sie unterschiedlich gemalt, in Grafik umgesetzt und als Bronzeskulptur gefertigt. So wird die Kaffeedose zugleich zum Atelier-Stillleben wie zur gegenständlichen Skulptur, die auch den Geist des Readymades in sich trägt. Die unterschiedlichen Manifestierungen innerhalb der Malerei machen die Dose gleichsam zum Vorwand, um das Medium auszuloten bzw. das Verhältnis zwischen realem Gegenstand und dessen Repräsentation im Bild zu diskutieren.

Die Tradition der Darstellung der Wirklichkeit findet schon früher – im Impressionismus – eine bedeutende Wende. Auch dort werden die Motive einfacher, gleichsam banaler, während sich die formale Kraft der Malerei rasch weiter entwickelt – weiter in Richtung Auflösung und Tarnsparenz. Die beiläufigen Szenen aus der unmittelbaren Umgebung der Künstler sowie die Alltäglichkeiten – Straßenszenen, Landschaften, Gegenstände und Menschendarstellungen – werden zu Stimmungsträgern, die sich im Atmosphärischen aufzulösen scheinen. Das trifft in geringerem Maße auch schon auf die Maler der Schule von Barbizon zu und ganz allgemein auch auf Aspekte der realistischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Im österreichischen Zusammenhang sei hier auf die MalerInnen des als „Stimmungsimpressionismus“ in die Kunstgeschichte eingegangenen Stils hingewiesen, die sich auf eine gemäßigte Symbiose aus realistischen Traditionen in Verbindung mit den Entwicklungen des französischen Impressionismus konzentrierten. Atmosphärisches und Introspektives liegt in dieser Malerei, genauso wie die formale Ambition, die sich beispielsweise in der Darstellung des Lichtes äußert. Diese KünstlerInnen stehen damit an der Schwelle zur Moderne, die sie aber nicht zu überschreiten bereit waren. Vielmehr verstanden sie es die Stimmung eines Ortes so festzuhalten, dass die emotionale Dimension der dargestellten Situation spürbar wird und zur Authentizität derselben beiträgt. Es ist der sensible bzw. subjektive Blick des Malers, der sich in dieser Malerei auf den Betrachter zu übertragen vermag und so aus dem dargestellten einen gleichsam magischen Ort macht.

Die Magie des Ortes bzw. der gewöhnlichen Dinge hat niemand so eindrucksvoll in Szene gesetzt wie der belgische Maler René Magritte. Während die impressionistische Tradition die Gesetze der Physik und der sichtbaren Natur weitestgehend eingehalten hat, ist der Belgier weit in den Bereich des Psychischen und des Theoretischen eingedrungen – Malerei als intellektuelles Spiel. Magritte als Protagonist der Zurückhaltung, der Subtilität und formalen Einfachheit, ist gleichzeitig ein Virtuose der Bildregie und der Verdichtung von visuellen Beiläufigkeiten zu vieldeutigen Bedeutungszusammenhängen. Da die dargestellten Gegenstände als solche erkennbar werden, aber in ihrem Zusammenspiel Mehrdeutigkeiten erzeugen, kann man sagen, dass hier nicht die Objekte verrätselt werden, sondern vielmehr verrätseln diese ihren Kontext. Konkret bedeutet das, dass sich diese Darstellungen den Naturgesetzen entziehen. Durch die Kombination von Gegenständen und anderen Bildelementen entsteht ein visueller Kosmos, der den viel später einsetzenden Möglichkeiten des technischen Bildes vielfach entsprechen. Die Parallelentwicklung des technischen Bildes von Foto bis Computer hat weiter zu veränderten Bildkonzeptionen geführt, worauf die Malerei bis in unsere Tage reagiert. Das Schlagwort Medienreflexivität trifft hier zu.

 

Die scheinbar willkürlich ausgewählten Momente der kunstgeschichtlichen Entwicklung sollen eine Folie bieten, vor der sich Wolfgang Wiedners malerisches Werk rezipieren lässt. Wiedner ist durch die „Neue Malerei“ der 1980er Jahre geprägt, die im Sinne der Postmoderne das Vokabular vergangener Entwicklungen wieder aufnahm. Seine Kunst passiert selbstverständlich vor dem Hintergrund der Malereigeschichte, die als Referenz zur Verfügung steht. Auch die bereits erwähnten Maler seines Umfeldes haben bewusst an kunsthistorische Formulierungen angeknüpft, sie gleichsam zitatartig eingesetzt und in der Folge variiert.

In seiner jüngsten Präsentation fasst Wiedner wesentliche Momente seiner Kunst zusammen. Er zeigt wiederum Atelierszenen, Gegenstände des Alltags, Landschaften, Blumen, Früchte, Häuser, Tiere aber auch reduzierte geometrische Formen wie Kugeln und Farbflächen. Diese Motive schließen sich zu sensiblen Aufzeichnungen der eigen Umgebung, öffnen sich aber auch zu surreal anmutenden Bildkonzeptionen, in denen die bekannten Gegenstände in streng angeordneten Formationen über der realistisch gemalten Landschaft schweben. Er isoliert dabei bestimmte Bildelemente, multipliziert sie ähnlich wie man es aus der Pop-Art kennt und fügt sie zu neuen Kompositionen zusammen. Dabei entsteht ein enigmatischer Eindruck des Gesehenen, der die gewohnten Dinge zu unerwarteten Kontexten führt. Diese surreal anmutenden Darstellungen lösen sich in anderen Bildern wieder völlig auf, wenn der Künstler beispielsweise in bestechender Virtuosität einfachste Sujets – eine Blüte, einen Vogel, eine scheinbar unbedeutende und unspektakuläre Landschaft oder einen mit Farbe verschmierten Topf aus dem eigenen Atelier – wiedergibt. Das geschieht auf  einer höchst sensiblen Ebene, sodass der banale Gegenstand zum besonderen Kleinod wird. Wiedner schafft es dabei den emotionalen Gehalt des Motives zum Ausdruck zu bringen. Wie in der Tradition der Stilllebenmalerei werden die einzelnen Gegenstände gleichsam porträthaft wiedergegeben. Der „Stimmungsimpressionist“ macht aus einem einzelnen Vogel, der am Ast sitzt, aus einer unscheinbaren Blüte oder aus einem unbemerkten Landschaftsauschnitt eine besondere Situation. Oft ist es dabei die eigene Sehnsucht und die subjektive Emotionalität, die diese einfachen Sujets zu außergewöhnlichen Orten macht. Wiedner gelingt es eindrucksvoll diese Stille und Beschaulichkeit ohne jegliches Pathos wiederzugeben. Nichts Heroisches, nichts Idealisierendes und kein Spektakel finden sich hinter Wiedners Bildauffassungen. Wenn man aber Edouard Manets kleine Darstellung eines Spargels denkt, ist man dieser Malerei sehr nahe. Der auf dem Land lebende Künstler ist einer gewissen Realität des Ortes verbunden, schöpft gleichsam aus ihr und erlebt sie in einer emotionalen Visualität. Die Authentizität des Ortes und die Delikatesse der Malerei, die so bezeichnend sind für Wiedners Schaffen, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Künstler in einer Metaebene bildgestalterische Möglichkeiten analysiert, womit er die Realität und deren Repräsentation durch seine Malerei zu hinterfragen scheint.

Es ist die ungewöhnliche und dadurch verblüffende Zusammenführung von Bildelementen in Wiedners Malerei, die sich auch als Sinnbild für Veränderungen im ländlichen Raum lesen lässt. Das Zusammenspiel von abstrakten Farbformationen und gegenständlich lesbaren Elementen, wie Häusern und Tieren, geben davon Zeugnis. Ordnung und Chaos, unberührte Natur und zugerichtete Natur, das sind in dem Moment die Gegensätze, die der Maler zu verbinden versucht ohne sie in direkter Drastik zur Darstellung zu bringen. Es ist auch hier wieder ein sehr subtiler Unterton, der diesen Eindruck für den Betrachter spürbar macht, der in ähnlich sensibler Weise zu schauen vermag, wie der Maler es ihm vorschlägt.

Wiedner kritisiert nicht offensichtlich und explizit. Der Künstler transferiert die Kritik in den Bereich des Visuellen und versucht die Geschehnisse innerhalb des Mediums Malerei zu diskutieren. Dabei bleibt er in einer Tradition der gegenständlichen Malerei, die sich nicht um die Erweiterung des Mediums bemüht, sondern um deren bildliche Wirkmöglichkeiten. Damit ist Wiedners Malerei auch bis zu einem gewissen Grad als „Malerei über Malerei“ zu verstehen. Das Medium gerät dabei gleichsam in einen Zustand der Selbstreflexion, was den Künstler vom Nimbus der sentimentalen Selbstvergessenheit befreit und ihm in einen Aktualitätszusammenhang stellt, der sein traditionell anmutendes Tun zu einer höchst aktuellen Auseinandersetzung mit Inhalten und malerischen Formvorstellungen macht. Wolfgang Wiedner ist kein Maler von simplen Stillleben und Landschaften, sondern ein reflektierender Künstler, der innerhalb eines Kontexts der Regionalität und des klassischen Mediums verblüffende Möglichkeiten des zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucks findet.

Die angeführten Momente innerhalb der Malereigeschichte, die sich so unterschiedlich und scheinbar nicht zu einander in Beziehung stehend darstellen, können als Hilfestellung dienen, diesem im Stillen blühenden Werk in seiner Vielschichtigkeit näher zu kommen. Man könnte in Anlehnung an den Titel der aktuellen Ausstellung ganz knapp formulieren „Jasper Johnes, der Stimmungsimpressionismus, René Magritte“.   

 

Günther Holler-Schuster

 

 

 

 

 

Deborah Sengl

 

Wolfgang Wiedner

 

 

 

 

 

 

 

 

Deborah Sengl

 

 

Deborah Sengl

 

 

Deborah Sengl

 

 

Deborah Sengl

 

 

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Wolfgang Wiedner

 

 

Wolfgang Wiedner

 

 

Wolfgang Wiedner

 

 

Wolfgang Wiedner

 

 

Wolfgang Wiedner